Wie man in den Wald ruft…

…so schallt es zurück. Das gilt für alle möglichen und unmöglichen Begegnungen, die man als Hundehalter haben kann. In der Regel trifft man hier in der fränkischen Pampa eher selten jemanden oder man sieht sich nur aus der Ferne und geht getrennte Wege.

Eben diese getrennten Wege gehen schon seit knapp einem Jahr eine Frau mit Terrier-Mix und ich mit meinen Labradödels. Scheinbar haben wir dieselbe innere Uhr und Vorliebe für ein bestimmtes Gelände. Man sieht sich dort mindestens 1x die Woche aus der Ferne. Das Gelände besteht aus vielen Wiesen und Feldern, wodurch man alles sehr weit überblicken kann. Wir parkten immer mindestens drei Felder weit auseinander, wodurch wir nie Kontakt hatten.

Mein Mann und meine Freundin hatten nicht so viel Glück. Beide sind dieser Frau schon zu nahe gekommen und wurden böse beschimpft. „Könnt ihr mit euren Kötern nicht woanders laufen, ihr PIEP-PIEP-PIEP!“, wobei sie schnell ihren Hund zurück in den Kofferraum schmiss und davonrauschte

Nach diesen beiden Vorfällen war ich natürlich erst recht darauf bedacht, der scheinbar leicht reizbaren Dame aus dem Weg zu gehen. Dabei konnte ich im Laufe der Zeit beobachten, dass es immer derselbe Ablauf war: Sie kam mit dem Auto aus dem 500m entfernten Dorf auf den Feldweg gefahren und parkte dort. Der Hund wurde aus dem Kofferraum geholt und preschte wild bellend zuerst 100m in eine Richtung, dann in die andere, zurück ins Dorf, zurück zum Auto. Nach 10-15 Minuten packte  sie den Hund wieder ein und fuhr die 500m nach Hause, wo man den Hund schließlich beim ankommen noch ein letztes mal bellen hörte.

Nunja, jedem Tierchen sein Pläsierchen… trotzdem fragte ich mich oft, woher diese Frau plötzlich gekommen war (immerhin geh ich dort schon muffelonige 6 1/2 Jahre spazieren und hatte sie zuvor nie gesehen) und was sie eigentlich für ein Problem hat. Ab und an hörte ich sie laut schimpfen und schreien, wodurch ich sie innerlich immer mehr als vollkommen irre abstempelte

Gestern sagte ich vor dem Spaziergang scherzhaft zu meinem Mann „Ich geh jetzt die arme Irre ärgern.“, was eigentlich nur bedeuten sollte, dass ich in dieser Gegend laufen würde. Ich konnte ja nicht ahnen, was passieren würde…

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund parkte die Dame diesmal gefährlich nahe an meinem Stammparkplatz. Gerade als ich dort ankam und ausstieg, hatte sie den Kofferraum geöffnet und wollte den Hund herausholen. Ich sah die Panik in ihr aufsteigen und ging schnell in die Offensive: „Sie können ihn ruhig laufen lassen!“. Im schönsten bauernfränkisch brüllte sie zurück „Ham Sie Männla oder Weibla?“. Prima, die Frage bedeutete immerhin eine 50/50-Chance auf ein Gespräch, also antwortete ich wahrheitsgemäß „Weibla! Zwei!“ 

Scheinbar die falsche Antwort. Sie schloss den Kofferraum, stieg wieder ein und fuhr auf mich zu. Als sie das Fenster öffenete, machte ich mich auf alles mögliche gefasst. Doch sie hatte mich scheinbar nur nicht verstanden und wiederholte die Frage „Männla oder Weibla?“ Wieder antwortete ich „Zwei Weibla“. Ihr Gesicht erhellte sich „Ach schö, na dann ko ich na ja rauslassn“. Sprachs, parkte und schickte ihren unkastrierten Rüden in den Kampf. Während dieser sich zunächst eine fette Abreibung von Muffin einfing und anschließend mit Biscuit wild über die Wiese tobte, schüttete mir die Frau ihr Herz aus.

„Ach Goddele, ich dacht immer sie ham zwa Männla, weil ich hab sie ja scho öfder geseng, aber meiner ko net mit Männla. Mei bin ich doof, ich hätt ja a scho früher ma freech könna. Da ko ich na etzerdla öfder ma spring lassn, wenn Sie do sin.“ Ich erfuhr, dass ihr Mann seit einem Jahr schwerkrank ist, weshalb sie nun mit dem Hund rausgeht. „Aber auf mich hörd er hald net, wissens, der is a so auf mein Mann fixiert“.

Wie sich herausstellte, ist die „arme Irre“ im Grunde eine sehr nette Frau, die mit ihrer Situation und dem Hund einfach vollkommen überfordert ist. Man merkte ihr deutlich an, dass sie sich über den neugewonnen Kontakt sehr freute. Sie verabschiedete sich mit einem breiten Lächeln und gab mir das Gefühl, etwas gutes getan zu haben.

Mir wurde durch dieses Treffen wieder einmal bewusst, dass man nicht vorschnell urteilen sollte. Vielleicht hat meine neue Freundin ebenfalls etwas gelernt und wird künftig etwas netter mit ihren Mit-Gassi-Menschen umgehen. Wer weiß? Schön wär´s jedenfalls!

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Kategorien: das Leben und der andere Kram... | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Wie man in den Wald ruft…

  1. Ja, so kanns gehen! … Ich muss ja sagen, die Mundart hats mir schon ein bisschen angetran… Viel schöner als hessisch 😉 … Vielleicht solltest du mal einen Post nur in fränkisch schreiben. Oder mir einen online Kurs geben. Auf jeden Fall hast du recht.. miteinander reden…hilft!

  2. Ach das freut mich für euch!!
    Weil man ja desöfteren nur sehr verkürzt was erlebt, und sich dann den Rest zusammenreimt :).
    Ich glaube, der Frau ist wirklich ein Riesentrumm Stein vom Herzen gefallen :), und Du kannst auch gelassener mit den Weibla Gassi gehen!
    Da sieht man`s wieder: die schönsten Vorsätze nützen nix
    @working mudpaws:
    Also, isch waas jo nit, woas geije hessisch zu soache wär. Obwohl: Isch red und schreib ja (wann-dann) Ourewäller! Wär aach e Idee zum lerne kenne 🙂

  3. Schöne Geschichte :).

    Und ja, schreibt’s ma weiter in welchem Dialekt auch immer, ich stell gern fest, daß meine „Fremdsprachenkenntnisse“ brauchbar sind *g*.

  4. Jessas, ein ganzer Artikel auf „frrrrängisch“? Na mal sehen 😉

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