Dummyseminar mit Birgitta Staflund-Wiberg

Die BZG Franken hatte für das vergangene Wochenende ein Seminar mit Birgitta Staflund-Wiberg organisiert. Ich war gespannt wie ein Regenschirm, denn es war für mich das erste Seminar, bei dem meine Englischkenntnisse gefragt waren. Birgitta erzählte zunächst etwas über sich, ihren Bezug zur Dummyarbeit und zur Jagd. Mit einigen herrlichen Anekdoten zum Thema „Jagd vs. Workingtest“ nahm sie uns die Aufregung und erzeugte eine entspannte Atmosphäre.

Während der Vorstellungsrunde kam mir spontan der folgende Spruch in den Sinn: „I speak english very well; bröcklesweis und net so schnell!“ Ich verstand jedes Wort, aber reden? *rumstotter, krampfhaft nach dem richtigen Wort such* Nachdem ich die gröbsten Informationen in fränkisch-denglisch von mir gegeben hatte, fragte Birgitta nach evtl.  Problemen. Hm. Grübel. Denk. Welche von unseren gefühlten 100 rollierenden Baustellen sollte ich nennen? Ich antwortete „mal dies, mal das“ und wir einigten uns darauf, uns überraschen zu lassen. Surprise, surprise.

Basics, Basics, Basics… im Grunde weiß jeder, dass Dummyarbeit ohne gut sitzende Basics nicht funktionieren kann. Das wird einem jeder Trainer immer wieder sagen (auch ich weiß es und habe es schon oft zu hören bekommen). Es von Birgitta zu hören, war für mich allerdings nochmal ein ganz eigenes Erlebnis. Wir waren zum Einstieg alle gemeinsam eine Runde im Kreis gelaufen, damit sich Birgitta ein Bild von der Fußarbeit aller Teams machen konnte. Allgemeines Ergebnis: „This heelwork sucks!“

Gute Fußarbeit bedeutet, dass der Hund konzentriert aber vollkommen entspannt neben einem geht. Er sollte absolut nichts erwarten und nicht schnüffeln. Ein Hund der beim Fußgehen am Boden schnüffelt, tut im Grunde nichts anderes als zu jagen. Er nimmt dabei ständig neue Informationen auf und kann sich folglich nicht richtig konzentrieren. Die meisten Hundeführer trainieren zu wenig und/oder nur in Verbindung mit dem Dummy, was jedoch grundfalsch ist. Der Platz am Bein sollte für den Hund ein entspannter und sicherer Ort sein, an dem alles möglich ist – aber nichts muss. „Heelwork means: don´t expect anything! And there is only one secret about good heelwork: you have to train it!“ Klatsch, das saß.

Wenn man sich die Dummyarbeit als Pyramide vorstellen würde, sollte diese so aussehen:

Pyramide

Während der nächsten Übung wurden die Teams einzeln getestet. Birgitta warf eine simple Einzelmarkierung, auf die wir die Hunde erst nach ihrer Freigabe schicken sollten. Nachdem das Dummy gefallen war, provozierte sie die Hunde zum einspringen. Sie stand schräg vor uns, sah die Hunde direkt an und machte auffordernde Gesten und Geräusche. Beim ersten fröhlichen „Ja!“ fühlte ich ein leichtes Zucken an meinem Bein. Urghs. Stur geradeausschauen, Anke, stur geradeausschauen. Beim zweiten und dritten „Ja! Ok!“ wurde das Zucken heftiger. Birgitta grinste sich eins und gab die Freigabe. Als ich nach unten sah, hatte Biscuit die Liegestütze-ich-würd-so-gern-bin-mir-aber-nicht-sicher-ob-ich-darf-Position eingenommen. Hui, das war knapp! Der Apport war tadellos. Fazit: Biscuit ist noch nicht 100% steady. Sie hat noch nicht verstanden, dass das Kommando ausschließlich von mir kommen darf. Aber wir sind auf einem guten Weg! Rückblickend muss ich feststellen: DAS hätte Birgitta mal lieber nicht sagen sollen. Hust.

Bei der nächsten Aufgabe sollte man gemeinsam mit dem Hund auf der Wiese ein Dummy auslegen. Zurück am Startpunkt fand wenige Meter rechts neben uns im Wald ein Treiben statt. Danach sollte der Hund auf das ausgelegte Dummy geschickt werden. Im ersten Versuch bog Biscuit direkt Richtung Wald ab. „Nein“ + zurückgeholt. Birgitta tadelte mich zurecht, dass ich das hätte sehen müssen. Beim zweiten Versuch bog Biscuit auf der Hälfte der Strecke in den Wald ab. „Nein“ + zurückgeholt. Ich sollte gemeinsam mit Biscuit nochmal zum Dummy gehen, es ihr zeigen und anschließend nochmal schicken. Diesmal ging sie richtig.

Birgitta wollte uns mit dieser Aufgabe verschiedene Dinge klar machen. Man muss für den Hund klar sein und ihm genau erklären, was man von ihm möchte. Biscuit („the brown little Princess“) hatte schlichtweg nicht verstanden, was von ihr erwartet wurde. Nachdem sie es verstanden hatte, tat sie es ohne zu zögern. Birgitta führte einen treffenden Vergleich an: Es ist ein Unterschied, ob man zu jemandem sagt „geh bitte zu meinem Auto und hol mir was zu trinken“ oder ob man sagt „geh bitte zu meinem Auto – es ist der weiße XYZ – und hol mir eine Cola“. Im Grunde ist es so, dass die Hunde es uns gerne recht machen wollen und jeder Fehler auf den Hundeführer zurückfällt. Hunde lügen nie und tun nur das, was ihnen beigebracht wurde (oft unbewusst) und sie zeigen sehr deutlich, was in ihnen vorgeht. „They are talking to you all the time, but you don´t listen to them!“

Weiter ging es mit einem 4er-Walk Up. Es wurden 10 Dummies in den Wald geworfen, danach drehten wir uns um und gingen über die Wiese in die entgegengesetzte Richtung. Auf Birgittas Zeichen fiel vor uns ein Schuss und eine Markierung. Nachdem die Markierung gefallen war, sollte zuerst ein Dummy aus dem Wald geholt werden, danach arbeitete ein anderer Hund die Markierung. Biscuit war steady und zunächst für eine der Markierungen zuständig. Die hat sie auch perfekt reingeholt. Doch danach hatte Kleinkeks scheinbar Blut geleckt. Nächster Schuss, Dummy fällt, Keks weg. Aaaaaaaaaaaaaah!!! Damit hatte ich ja nunmal überhaupt nicht gerechnet. Nun gut, Keks eingesammelt, weiter im Text. Mein Voran in den Wald hat sie super angenommen, war ein Weilchen verschwunden und tauchte schließlich fragend am Waldrand wieder auf. Ich rief ihr ein „such“ zu und sie verschwand wieder. Kurz darauf kam sie wieder aus dem Wald, ich pfiff sie ins Sitz und schickte sie back. Diesmal kam sie mit Dummy zurück. Warum denn nicht gleich so? Die Antwort darauf ist denkbar einfach: gibt man dem Hund jedesmal eine Antwort auf seine Frage, dann wird es zur Gewohnheit.

Nachdem jeder Hund dran gewesen war, sollten wir in der Line über die Wiese zurückgehen. Alle dachten „Ok, Aufgabe damit beendet“, doch plötzlich flog ein Dummy quer vor die Line. Birgitta traktierte uns auf dem Rückweg mit einigen fiesen Würfen durch, vor und neben die Line. Biscuit hielt sich tapfer zurück und ich entspannte mich ein wenig. Sie sparte sich das einspringen für den letzten Wurf auf, als ich schon nicht mehr damit rechnete. Älläbätsch!

Was hat ein paar PS zuviel und dafür einige aktive Gehirnzellen zu wenig? Ein Keks! Das bestätigte auch die letzte Aufgabe des Tages. Alle Teams standen vor dem Waldrand und hörten, wie mit einigen Geräuschen und Schüssen für jeden Hund zwei Dummies zur Suche ausgelegt wurden. Schwupps – weg war mein Hündchen. Ääääähhh?!?!? Da ich inzwischen auf alles gefasst war, kam sie jedoch nicht weit. Surprise, surprise! Als alle Dummies lagen, wechselten wir die Position und gingen über den Waldweg um die Ecke. Von diesem neuen Standpunkt aus wurden die Hunde abwechselnd in die Suche geschickt. Ich mach es kurz: Biscuit hat kein einziges Dummy reingeholt. Beim ersten mal suchte sie zu oberflächlich (die Dummies waren nicht einfach ausgelegt, sondern gut versteckt worden) und kam fragend wieder; beim zweiten mal ging sie erst gar nicht richtig raus, sondern drehte bereits nach 2m um und fragte.

Bisher dachte ich, das sei ein Biscuit-spezifisches Problem, aber damit lag ich gründlich daneben. Ich war erstaunt, wieviele andere Hunde an diesem Wochenende dasselbe „Frage-Problem“ hatten. Natürlich ein Resultat falschen Trainings. Zum einen machen wir es den Hunden zu einfach, indem die Dummies meist zu offensichtlich ausgelegt sind und zum anderen antworten wir den fragenden Hunden viel zu oft und zu schnell. Birgitta gab zu bedenken, dass Drogenspürhunde auch nicht mit einem Kilo Kokain ausgebildet werden oder den Hundeführer fragen können „hast DU zufällig eine Ahnung, wo die Drogen sein könnten?“. Zudem sind wir regelrechte Kontrollfreaks, die jeden Apport akribisch überwachen sobald wir den Hund geschickt haben. Stattdessen wäre es jedoch viel wichtiger, das Verhalten bei Fuß zu kontrollieren und den Hund nach dem schicken seinen Job machen zu lassen. „Trust your dog!“

Der nächste Tag knüpfte nahtlos an die Grundlagen des Vortags an. Wieder begannen wir mit einer Runde Fußarbeit, die bereits vieeel besser war als noch am Vortag. Anschließend setzten wir die Hunde in einer Reihe ab und stellten uns ihnen gegenüber auf. Birgitta ging mit einem Dummy an der Leine vor den Hunden auf und ab und zuckelte, warf, schleuderte damit vor ihnen herum. Es war ein großartiges Bild! Alle Hunde waren aufmerksam aber entspannt, kein Vergleich zum Vortag. Anschließend sollten wir den Hunden den Rücken zudrehen und uns im nächsten Schritt in einem kleinen Graben verstecken. Dort wo ich stand, war der Einstieg relativ steil, aber dank Gummistiefeln rutschte ich problemlos nach unten und kauerte mich zusammen. Erst als wir wieder herauskommen sollten, wurde mir mein Problem bewusst. Es gab nichts, woran ich mich wieder hätte nach oben ziehen können. Mein Gehampel im Graben war für Biscuit dann doch zu viel und sie kam auf eine Stippvisite vorbei *wedel, kann ich helfen oder mitmachen, wedel?*. Nachdem mich eine andere Teilnehmerin aus dem Graben geborgen hatte, brachte ich Biscuit wieder an ihren Platz und wir starteten die letzte Übung. Wir sollten locker auf die Hunde zugehen als ob die Übung beendet sei, dann aber 1m vor ihnen stoppen. Birgitta wollte sehen, ob die Hunde auch verstanden haben, dass eine Übung erst vorbei ist, wenn man es ihnen tatsächlich sagt. Sie hatten verstanden!

Nun wurden an drei verschiedenen Stellen Dummies ausgeworfen. Auf diese Memories schickten wir die Hunde im Laufe des vormittags aus der Line heraus voran. Zwei dieser drei Stellen meisterte Biscuit im Gegensatz zu mir sehr gut. Sobald sie außer Sicht verschwunden war, bekam ich das hibbeln und versuchte verzweifelt einen Blick darauf zu erhaschen, was sie gerade tat. Wie war das mit dem Kontrollfreak? Urghs. Ich atmete tief durch und siehe da – Keksi kam mit Dummy zurück. Die dritte Stelle war der Wald, an dem sie am Vortag schon gefragt hatte. Diesmal gab ich keine Antwort, sondern senkte den Kopf und stierte auf den Boden. Daraufhin ging Biscuit zunächst wieder in den Wald, kam jedoch kurz darauf wieder. Birgitta befahl mir stehenzubleiben und ging wortlos in den Wald. Keksi folgte ihr. Es dauerte keine Minute bis Biscuit mit Dummy wiederkam. Sie hatte laut Birgitta hervorragend gesucht, sobald sie mit ihr zusammen reingegangen war. Bei anderen Teams wiederholte sich das Spiel. Auch wenn das jetzt vielleicht blöd klingen mag: ich bin heilfroh, dass ich mit diesem Problem nicht alleine dastand.

Der ein oder andere wird sich vielleicht wundern, warum ich diesmal keine Grafiken gebastelt habe. Der Grund ist einfach: es ging an diesem Wochenende nicht so sehr um die zu lösenden Aufgaben oder das Gelände. Es ging fast ausschließlich um das, was so oft vergessen wird: die Basics! Fußarbeit, richtiges loben etc. „Keep them calm!“, „Don´t be like Barbie!“ und „Don´t complicate, keep it stupid simple!“

Im Laufe des nachmittags besprachen wir verschiedene Dinge, wie z.B. den Aufbau des Voranschickens, den Aufbau des Stopp- und Suchenpfiffs oder den Wiederaufbau der Eigeninitiative der Hunde. Wir diskutierten über Sinn und Unsinn mancher Workingtest-Aufgaben und über die richtige Balance zwischen Handling und Selbständigkeit.

Birgitta ließ uns selbst entscheiden, wer welche Übungen noch machen wollte. Als sie mich fragte, ob ich mit Biscuit noch den Übungsaufbau zum voranschicken durchgehen möchte oder ob sie genug hätte, drehte sich Biscuit demonstrativ auf den Rücken und bewegte sich nicht mehr. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Damit hatten wir die Lacher auf unserer Seite und ich meine Antwort. Ich brachte Biscuit ins Auto, wo sie sich sofort zusammenrollte und einschlief.

Warten macht müüüüüüüüüüüüüde…

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Wir setzten uns am Ende des Tages alle nochmal zusammen und tauschten uns über das vergangene Wochenende aus. Es war eine wirklich tolle und buntgemischte Truppe, in der man sich nur wohlfühlen konnte. Birgitta hat uns mit witzigen aber einleuchtenden Beispielen unsere Fehler aufgezeigt und uns einige AHA-Momente beschert. Vielen Dank dafür! Es war klasse und hat sich mehr als gelohnt!

Zuhause habe ich über meinen kuriosen Notizen gebrütet, die ich teils auf deutsch und teils auf englisch bzw. fränglisch niedergekritzelt hatte. Ich könnte noch so vieles über dieses Seminar, die anderen Teilnehmer, deren Probleme und die dazu erhaltenen Tipps schreiben, aber das würde den Rahmen sprengen.

Natürlich hab ich mir inzwischen viel Gedanken darüber gemacht, wie es zu Biscuits derzeitiger Unselbständigkeit gekommen ist. Das Thema zieht sich bereits seit letztem Jahr wie ein roter Faden durch meine Berichte. Wenn ich an unseren allerersten Schnupper-WT in 2011 zurückdenke fällt mir auf, dass Biscuit dort zuletzt eine tolle Nasenarbeit hingelegt hat. Zu diesem Zeitpunkt war sie weder krank noch durch mein falsches Training verdorben. Nachdem die Herzkrankheit festgestellt und sie auf Medikamente eingestellt wurde, ging es schnell wieder bergauf. Obwohl ich da schon merkte, dass das schnelle Aufgeben aus gesundheitlichen Gründen bereits zu einer blöden Angewohnheit geworden war. Ich trainierte vermehrt an der Selbständigkeit und irgendwann war das Thema vergessen. Das es nun wieder aufkommt, liegt am ausschließlichen Einweisetraining der vergangenen Monate. Möööööp!

Birgitta drückte es sehr treffend aus: „Wenn ihr euren Hunden das selbständige suchen abtrainiert, nehmt ihr ihnen die Seele.“ Dem ist nichts hinzuzufügen…

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Kategorien: Seminare | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Dummyseminar mit Birgitta Staflund-Wiberg

  1. Wow… Mit Spannung erwartet und wirklich begeistert! So toll zu lesen und ich wäre gerne dabei gewesen. Darüber müssen wir unbeding nochmal quatschen… 3 Stunden Telefon sollten evtl. reichen… Wann hast du Zeit?
    Vielen Dank für diesen tollen Bericht.

  2. Super Bericht, Anke von einem offensichtlich tollen Seminar!!! Vielen Dank für diesen Bericht!

  3. Pingback: Freiheit für den Keks! | Mufflon & Killerkeks

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